Hallo meine Herzensfreunde, bzw. Familie :)
Eigentlich sollte mein nächster Eintrag über den „Dia de los muertos“ werden (auch wenn dieser zugegebenermaßen schon einige Zeit her ist), aber da in der Albergue soviel geschehen ist, werde ich die aktuellsten Geschichten vorziehen:
Es hat sich herausgestellt, dass Paola bald die Position einnehmen wird, die bisher Gemma inne hatte: sie wird Chefin aller Ausbilder („Educadores“) und arbeitet somit unmittelbar mit uns und den Kindern zusammen. Gemma wird in die Büros in der „Casa de Jovenes“ versetzt und wird zudem Verantwortliche für alle Freiwilligen. Letzteres ist super, denn mit Gemma verstehe ich mich sehr gut und ich weiß, dass sie es gerne sieht wenn ich Mexico näher kennenlerne und wird mir somit Überstunden und Sonderarbeitstage als Urlaube anrechnen – was bei Paola nicht der Fall war.
Der negative Beigeschmack ist allerdings, dass das Verhältnis von Mago und Paola (die zwei sind ehemals beste Freundinnen) dermaßen gestört ist, dass Mago sich nicht in der Lage sieht, tagtäglich unter dem Kommando von Paola zu arbeiten…sie wird kündigen und im Januar, wenn der Stellenwechsel stattfindet, die Albergue verlassen :( Es ist keine leichte Entscheidung für sie – immerhin hat sie 7 Jahre dort gearbeitet und die Kinder liegen ihr sehr am Herzen – aber eben aus diesem Grund möchte sie rechtzeitig gehen, sich um eine neue Aufsichtsperson für „ihre kleinen preescolares“ kümmern und die Albergue somit „im Guten“ verlassen. Sowieso plant sie seit langem, einen eigenen Kindergarten zu eröffnen. Heute hat sie den Kaufvertrag für das Haus neben der Papeleria unterschrieben und nun macht sie sich daran, ihre neue Zukunft als Leiterin einer „guarderia“ auszuarbeiten.
Natürlich finde ich es mehr als schade, meine „Schwester“ bald nur noch abends zu sehen und mich nicht mehr mit ihr zusammen um unsere 6 Kleinen zu kümmern, aber ich bewundere ihre Entscheidung und vielleicht ist es auch Zeit für sie, etwas Neues zu beginnen.
Auch mein Alltag in der Albergue wird sich bald ändern: Ian und ich werden den Salon von Mario übernehmen und sozusagen als vollwertige Educadores arbeiten – wahrscheinliche kann Gemma uns dafür sogar eine Bescheinigung ausstellen. Die Arbeit mit den Jungs der 5. und 6. Klasse der Primaria ist nicht einfach, da ich für die 12 und 13 jährigen nicht unbedingt eine Respektperson darstelle, aber mit der Zeit wird sich das schon ändern. Auf jeden Fall werde ich auf diese Weise bald meinen Schimpfwörterwortschatz erweitern können, denn die Jungs sind mit Beleidigungen oft schnell dabei, wenn etwas nicht so läuft wie sie es gerne hätten ;)
So, das waren die neusten Informationen…nun muss ich aber doch noch vom „Dia de los muertos“ (Totentag)erzählen. Dieser war am 1. bzw. 2. November.
Unser eigentlicher (sehr kurzfristiger) Plan war es, am Mittwoch den 1. November zusammen mit Briseno nach Michoacán/ Pátzcuaro zu fahren, da dort der Feiertag am traditionellsten, aufwendigsten und schönsten zelebriert wird. Caren, Ian und ich hatten dicke Sachen eingepackt, denn wir wollten die ganze Nacht auf der Straße verbringen, da wir in dem Ort niemanden zum Übernachten kannten. Trotz eindringlicher Warnung von Gemma meinten wir, zu viert sei das Ganze doch sehr sicher. Dazu muss gesagt werden, dass es in Pátzcuaro während des Jahres zu Schießereien (ich glaube zwischen den Drogenkartellen) gekommen war, und Gemma dementsprechend weniger begeistert von unserem Vorhaben war…allerdings holten wir verschiedene Meinungen ein und es siegte die Pro-Seite ;)
Wir also los zum Casa de Jovenes, wo wir uns mit Briseno treffen wollten, um mit ihm zusammen nach Pátzcuaro zu fahren…jedoch stellte sich vor Ort heraus, dass dieser nun doch mit seiner Familie fahren und den Tag/die Nacht mit seinen Verwandten verbringen würde. Im Klartext: Ian, Caren und ich wären nur zu dritt die ganze Nacht auf der Straße gewesen. Wir haben seeeeehr viel diskutiert und abgewogen und uns schließlich aus Sicherheitsgründen gegen den Ausflug entschieden, wenn auch schweren Herzens.
Was nun folgte, zeugte wieder einmal von der Spontaneität der Mexicaner:
Was machen wir stattdessen? Die Idee war der panteón (Hauptfriedhof) von Guadalajara oder auch der Friedhof von Tlaquepaque…allerdings wurde uns versichert, dass hier in der Stadt der Tag der Toten einfach nicht so traditionell gefeiert wird wie in Pátzcuaro.
Schließlich hatte Ian die grandiose Idee, wir könnten doch in sein „Heimatdorf“ Ocotlán reisen, den Abend auf dem Friedhof verbringen und dann bei seinen Großeltern übernachten. Und so wurde es dann auch gemacht!
Ich kann nur immer wieder von der Gastfreundschaft der Mexicaner schwärmen! Denn man stelle sich vor, wie viele deutsche Großeltern ließen mit ca. 5- stündiger Ankündigung zwei wildfremde Mexicaner in ihrem Haus schlafen, seien es auch Freunde des Enkels? ;) Das ist auf jeden Fall eine Eigenschaft der Menschen hier, die ich mit nach Deutschland nehmen möchte – ihre Offenheit und Freundlichkeit Fremden gegenüber.
Was ihre spontanen „Planungen“ angeht, nunja, da muss ich mich als mehr oder weniger Organisationsmensch noch dran gewöhnen. Aber ich sehe auch einige Vorteile in dieser Planungslosigkeit und mit der Zeit wird es sicher auch für mich normal, dass man ein Vorhaben auch noch kurze Zeit vorher komplett über den Haufen werfen kann – wie etwa unsere Reise nach Pátzcuaro :P
Nun gut, nach Feierabend fuhren Ian, Ramon, Caren und ich zu mir nach Hause, um noch ein paar neue Klamotten für den nächsten Morgen einzupacken und los ging es zum „Central Guadalajara“, von wo aus wir mit dem Bus nach Ocotlán fahren wollten. Ramon begleitete uns als Wegexperte, denn keiner von uns hatte auch nur die leiseste Ahnung, wie wir diesen Bahnhof finden sollten – und im Endeffekt waren wir auch zwei Stunden innerhalb der Stadt unterwegs, um anschließend noch eineinhalb Stunden im Reisebus zu verbringen ;)
Kurz vor 22 Uhr kamen wir dann endlich an und hatten erst einmal Hunger – unsere Wahl viel auf Sushi! Ganz anders als ich es kannte, aber ebenfalls sehr lecker…und ja, in Mexico kann man auch Sushi noch mit Chilli „verfeinern“ :P
| "Chillisushi" |
Anschließend führte uns Ian durch die kleinen Gassen und präsentierte uns die „Plaza de Ocotlán“ – sozusagen den Hauptplatz. Die Kirche war wunderschön beleuchtet und mir gefiel der Ort unendlich gut, auch wenn laut Ian alles ziemlich hässlich ist und er sich über meine Begeisterung immer kaputtlacht.
| Die Kirche von Ocotlán...diese Neon-Kreuze sind auf eigentlich fast allen Kirchen hier zu finden. Geschmackssache ;) |
Von dort aus fuhren wir mit dem Taxi zum panteón. An dieser Stelle erkläre ich besser einmal, was es mit diesem Tag der Toten überhaupt auf sich hat:
Der „Dia de los muertos“ ist eine präkolumbische Tradition. Zwischen dem 31. Oktober und dem 2. November wird in Mexico der Toten gedacht – und zwar in Form eines Festes. Die Idee ist, dass die Toten einmal im Jahr aus dem Jenseits zurückkehren und mit den Lebenden ein Wiedersehen auf dem Friedhof feiern.
Dafür bereiten die Familien regelrechte Altare oder Gabentische vor, auf denen sie die Lieblingsspeisen/ -getränke des Verstorbenen oder auch besonders wichtige Erinnerungsgegenstände, Photos, Blumen und Kerzen platzieren. Viele Mexicaner legen auch einen Spiegel dazu, in dem sich die heimgekehrte Seele wiedererkennen kann und somit weiß, dass sie auf der Erde angekommen ist. Am wichtigsten ist jedoch, dass sich der Verstorbene nach seiner Reise aus dem Jenseits stärken, sich zuhause fühlen und eine feierliche, fröhliche Nacht mit den Hinterbliebenen verbringen kann. Ein Mythos, welcher mir sehr gut gefällt, besagt, dass all die Gerichte und Getränke nach der Nacht keinen Geschmack mehr haben, da der Verstorbene davon gezehrt hat ;)
Aber nicht nur innerhalb der Familie und auf den Friedhöfen wird der „Dia de los muertos“ offenbar: Schon Wochen zuvor werden die Straßen mit traditionellen Blumenmustern, Lampen, Totensymbolen, Papp-Skeletten und Totenköpfen geschmückt. Die Gassen zum Friedhof hin werden mit farbenfrohen Blumenteppichen ausgelegt, damit die Toten den Weg aus dem Jenseits finden können – die orangefarbene Cempasúchil ist die traditionelle „ Flor de Muertos“ (Blume der Toten) Anders als in Deutschland wird dem Tod hier nicht mit Trauer begegnet, sondern der Tag erinnert eher als ein großes, farbenfrohes Volksfest.
Typisch sind vor allem die „Calaveras de Dulce“, Totenschädel aus Zucker oder auch Schokolade, die man sogar mit dem Namen der Toten auf der Stirn verzieren lassen kann. Außerdem wird das süße „Pan de Muerto“ (Brot der Toten) zubereitet – sehr lecker, das kann ich euch versichern ;)
So, genug der Theorie, hier kommen meine persönliche Eindrücke :)
Ich glaube, wenn man es noch nicht selbst erlebt hat kann man sich das bunte Treiben auf dem Friedhof nicht vorstellen. Vor dem Eingangstor wurde eine Art Altar-Wettstreit für berühmte, verstorbene Personen ausgetragen, dementsprechend beeindruckend waren die Gabentische zubereitet. Überall waren Bilder und Muster aus Blumen und Gräsern ausgelegt, Skelette in den skurrilsten Verkleidungen zierten die Altare, die Nacht war voller Musik und Fröhlichkeit – kurzum, es war gigantisch :)
Wir sind dann einige Zeit über den Friedhof gewandert und haben uns die verschiedenen Grabstätten angeguckt…ich muss zugeben, wären die vielen Menschen nicht gewesen, wäre es doch ziemlich gruselig geworden. Hier in Mexico wird man nämlich nicht in der Erde begraben, sondern es existieren Familiengruften, die je nach finanziellen Mitteln wirklich extreme Ausmaße annehmen können. Und bei Nacht wirken solche Gruften dann schon ein wenig gruselig, ich musste immer an Dracula denken ;)
Was mich besonders beeindruckt hat ist, dass viele Menschen tatsächlich die ganze Nacht auf dem Friedhof bei ihren Toten verbringen, um mit ihnen zu feiern – und eine Familie hatte sogar Mariachis bestellt, welche für den Verstorbenen sangen. Es war wirklich beeindruckend, aber auch wenn mir die Tradition unglaublich gut gefällt würde mich glaube ich zumindest die nächtliche Kälte von solch’ einer Übernachtungs-Idee abbringen - mal abgesehen vom Gruselfaktor der eintritt, wenn alle anderen schon wieder in ihre Häuser heimgekehrt sind :P
Übrigens haben auch hier im traditionellen Mexico manche Jugendliche nichts als Blödsinn im Kopf: So haben doch tatsächlich einige Jungs einen Altar ausgeraubt, um anschließend das Essen auf dem Friedhof zu verkaufen – sehr kreativ :D
| Der Weg zum Friedhof. |
| Hier kann man erkennen, dass die Muster wirklich aus getrockneten Blumen und Gräsern bestehen. |
| Caren und ich mit einem der Skelett-Kunstwerke. |
| Ein typischer Altar. |
| Für diejenigen, die gerne mehr über den Weg der Seelen erfahren möchten ;) |
| Diese "Figur" war echt und hat mich nach dem Photo zu Tode erschrocken! |
| Auf dem Friedhof. |
Ian, Caren und ich sind dann schließlich bei Ians Großeltern eingekehrt (zwei unglaublich nette und gastfreundliche Menschen) und nach einigen Reibereien mit Caren (sie wollte schlafen und hat uns dies auf sehr – sagen wir mal „direkte“ Weise – mitgeteilt) sind uns dann auch die Augen zugefallen ;)
Am nächsten Morgen sind wir dann zusammen mit Ians Großeltern im Van nach Guadalajara zurückgefahren – ohne Sitze. Ist zwar deutlicher unsicherer, aber ich muss sagen so ausgestreckt schlafen zu können hat auch einiges für sich :P
Nachmittags, nach der Arbeit in der Albergue, sind Caren und ich dann noch mit Ramon zu einem tianguis (Markt) im „Parque Morelos“ gefahren, der einzig und allein auf den Dia de los muertos ausgerichtet war: Das heißt, es gab die traditionellen Süßigkeiten, Holzspielzeuge (welche die Kinder in Deutschland wahrscheinlich gar nicht mehr kennen :P) und was ich besonders lustig fand: künstliche Miniaturgerichte oder z.B. auch Miniatur-Colgate-Zahnpasta für die Gabentische :)
Ich musste mir bei der Gelegenheit natürlich einen Zucker-Totenkopf kaufen! :D
Mein Erinnerungsstück an den „Dia de los muertos“ in Mexico…
| Mein "Calavera de Dulce" hat sogar Chilli auf dem Kopf ;) |
| Die traditionellen Holzspielzeuge. |
| Süße Totenköpfe! |
| Miniatur- Quesadillas, Tacos und Mais :) |
| Man bemerke Colgate und Nesquick :P |
| So sieht eine LEERE Marktgasse aus! |
Ich hoffe, ihr könnt euch ungefähr vorstellen, wie ich diesen Feiertag verbracht habe und auf jeden Fall habt ihr nun einiges über die mexicanische Kultur gelernt ;)
Mit ein bisschen Glück melde ich mich bald wieder – das ist meistens abhängig von meinem Wunsch und Bedürfnis nach Schlaf, da ich die Berichte immer abends nach der Arbeit in der Albergue verfasse. Aber ich versuche mich in Zukunft wieder häufiger und dafür kürzer zu melden ;)
Liebste Grüße und viele besitos aus Mexico,
eure Sveni
PS: Ich weiß, dass die Photos qualitativ nicht ganz so der Hit sind…aber das liegt wohl an den nächtlichen Lichtverhältnissen ;)
Das traditionelle Holzspielzeug hat u. a. ein Spidermanmotiv :-)
AntwortenLöschenDie Miniaturen könnte man auch gut für einen Kinderkaufladen verwenden. Wer weiß, vielleicht sind sie ja vom Hersteller auch eigentlich für sowas gedacht und werden hier nur anders verwendet. Jedenfalls sehr interessant und aus unserem Blickwinkel schon etwas strange!
Bei dem Holzspielzeug gibt es auch Zwillen oder Fletschen, dass hätte ich als Kind cool gefunden und dann wohl nicht auf einen Altar gelegt. Werden die ganzen Sachen, also nicht nur die Lebensmittel, denn nach den Feiern auch weggeworfen?
Liebe Grüße
Papa