Da ich es momentan einfach nicht schaffe einen Blogeintrag über meine Reise zu verfassen (auch wenn ich mich am Wochenende auf jeden Fall daran setzen werde), dachte ich, lade ich erst einmal meinen Quartalsbericht hoch, welchen ich für VIA geschrieben habe. Viel Neues ist darin nicht zu finden, aber vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen. An manchen Stellen klingt er glaube ich nicht besonders gelungen, das liegt wohl daran, dass ich ihn in einer Nacht- und Nebelaktion und somit im Halbschlaf verfasst habe - da blieben Deutsch-LK-Kenntnisse auf der Strecke :P
Wenn ihr schonmal Photos von Cancún sehen wollt, empfehle ich das Album von Margarita Esponda Ramirez in facebook - die liebe Mago ist nämlich ein wenig schneller gewesen als ich ;)
Liebste Grüße aus der weiten Welt,
eure Sveni
Rudolph, Svenja. 1. Quartalsbericht
„¡Welcome to Mexico güerita!“
¡Buenos días!
Mein Name ist Svenja und im Rahmen meines weltwärts-Freiwilligendienstes verbringe ich ein Jahr in der zweitgrößten Stadt Mexikos: Guadalajara. Hier arbeite ich 5 Tage in der Woche in der „Albergue Infantil Los Pinos“ – einer Art Heim für Kinder, welche aus schwierigen Familienverhältnissen stammen.
Eigentlich kann ich kaum glauben, dass bereits 3 Monate vergangen sind und mein erster Quartalsbericht verfasst werden muss. Die Zeit vergeht wie im Fluge und manchmal habe ich fast das Gefühl, dass auch mein Abflugtermin schon vor der Tür steht und es doch noch unendlich viel zu sehen und zu entdecken gibt.
Dass die Monate nur so an mir vorbei rauschen hat wohl den Grund, dass ich mich hier in Mexiko ungeheuer wohl fühle:
Seit ich hier in Guadalajara angekommen bin wurde ich eigentlich fast immer nur positiv überrascht! Denn auch wenn ich mir eingeredet hatte, keinerlei Erwartungen oder Vorurteile mitzunehmen, blieb es natürlich nicht aus, dass sich ein bestimmtes Bild in meinem Kopf geformt hatte.
Ich erwartete große Armut, Menschen die auf der Straße leben, Kinder die um ein paar Pesos betteln, einfache Häuser und schlechte Infrastruktur – auf der anderen Seite aber auch die berühmte Lebensfreude der Südamerikaner, ihre Offenheit Fremden gegenüber, ihre Gastfreundschaft und Herzlichkeit.
Teilweise wurden meine Erwartungen erfüllt, andere wurden widerlegt (Wie kam ich zum Beispiel auf die Idee, dass mein Schmuck und der größte Teil meines Kleidesschrankes nicht hierher passen würden?) und manche Vorstellungen wurden auf positive Weise übertroffen.
Andere Dinge wiederum hätte ich niemals erwartet und sie offenbarten sich erst im Laufe der Zeit. Nie hätte ich beispielsweise damit gerechnet, dass man in Mexiko fast jeden Tag Cola trinkt („refresco“), dass man Toilettenpapier in einen Eimer neben der Toilette wirft, dass man Mais auf so verschiedene Weisen zubereiten kann, dass die Mexikaner Gel in den Haaren, Salz+Limette+Chilli und Doppeldeutigkeiten lieben, dass Besteck in Europa offenbar überbewertet wird, da doch die Finger und die zu fast jeder Mahlzeit gereichten Tortillas ebenfalls diesen Zweck erfüllen, dass man auch morgens um 7 schon Fleisch frühstücken kann, dass es nur eine Sorte Würstchen („salchicha“) gibt, dass bis zu 15 Kinder in einen kleinen VW Kombi passen, dass es keine festen Haltestellen für die Linienbusse gibt, dass „agua“ Wasser mit Geschmack bedeutet und vieles mehr.
Jeden Tag entdeckt man neue Absonderlichkeiten und lernt sie entweder zu lieben (wie zum Beispiel die leckeren Tacos) oder man lernt sie als gegeben hinzunehmen (die abenteuerliche Art Auto zu fahren gehört dazu).
Und auch nach drei Monaten kenne ich längst nicht alle kleinen Unterschiede zwischen der deutschen und der mexikanischen Kultur, sodass das Zusammenleben in der Albergue und in meiner Freizeit noch immer spannend bleibt und es immer wieder etwas Neues zum Ausprobieren gibt.
Meine ersten Tage in Mexiko waren in jedem Fall aufregend: Eine Unmenge unterschiedlicher Eindrücke stürmte auf mich ein, sodass ich in den ersten zwei Wochen jeden Abend todmüde ins Bett fiel.
Was mir jedoch relativ schnell bewusst wurde ist, dass meine Wohngemeinschaft eindeutig nicht das Richtige für mich war, da sich unsere Auffassungen von einem Leben in einer Wg allzu sehr unterschieden.
Bei meinem Wohnwechsel erfuhr ich eine ungeheure Unterstürzung durch meine Arbeitskollegen in der Albergue, die sich sofort um eine neue Bleibe für mich bemühten und ich auf diese Weise innerhalb eines Tages eine neue Wohnung gefunden hatte.
Ich erzähle dies so genau, weil diese Erfahrung meiner Meinung nach sehr treffend die tolle Mentalität der Mexikaner widerspiegelt: ihre Gastfreundschaft, ihre Offenheit, ihr Vertrauen, ihre Hilfsbereitschaft, aber vor allem ihre Herzlichkeit. Ich arbeitete kaum zwei Wochen in der Albergue und fühlte mich gleich (wenn es auch kitschig klingen mag) wie ein Teil einer großen Familie, die zusammen zu Mittag isst, zusammen lacht und Quatsch macht, zusammen arbeitet, aber auch für einen da ist, wenn es einem einmal weniger gut geht.
Nicht eine Sekunde habe ich mich in der Albergue nicht willkommen gefühlt, dort habe ich meine mexikanischen Freunde gefunden und auch die Arbeit macht mir unglaublich viel Spaß!
Von Anfang an haben mich die Kinder in ihren Bann gezogen, denn obwohl sie aus den schwierigsten Verhältnissen kommen, sind sie so lebenslustig, neugierig und vor allem ungeheuer herzlich. Natürlich ist die Arbeit nicht immer ganz einfach mit ihnen, schließlich kennen viele außer körperliche oder verbale Gewalt keine andere Möglichkeit, um ihren Emotionen Luft zu machen. Nichtsdestotrotz (oder auch gerade deshalb) helfe ich ihnen gerne bei den Hausaufgaben, spiele mit ihnen, albere herum und besonders meine „Hauptaufgabe“ - die Arbeit mit den kleinen Vorschulkindern - macht mir sehr viel Spaß.
Zugegebenermaßen verbringe ich unter der Woche viel Zeit in der Albergue, wodurch meine Freizeit sehr eingeschränkt wird und ich manchmal das Gefühl habe, vielleicht das „richtige Leben“ gar nicht so sehr kennen zu lernen. Doch schließlich ist die Arbeit mit den Kindern ja der Grund, weshalb ich nach Mexiko gehen wollte und deshalb macht es mir eigentlich nichts aus, Überstunden zu leisten oder auch mal spontan an einem Wochenende einzuspringen.
Auch „zuhause“ bei meiner Familie fühle ich mich mehr als wohl! Wir wohnen zwar nicht im schönsten Viertel der Stadt und als „güerita“ gehe ich nachts nicht unbedingt alleine auf die Straße wenn es sich vermeiden lässt, doch bisher habe ich noch keine schlechten Erfahrungen als Ausländerin gemacht. Mit meinen „Mamas“ und meiner Gastschwester (die ebenfalls in der Albergue arbeitet) verstehe ich mich super, sie behandeln mich wie ein echtes Familienmitglied und auf diese Weise kann ich viel von der mexikanischen Kultur miterleben, was mir in einer Wg möglicherweise verwehrt geblieben wäre. Auch bin ich auf diese Weise gezwungen, die gesamte Zeit Spanisch zu sprechen, was meinen Sprachkenntnissen sicherlich zu Gute kommt.
Neben den wundervollen Erfahrungen, die ich in Mexiko sammeln kann hat mein Auslandsaufenthalt noch einen weiteren positiven Nebeneffekt:
Man lernt erst in der Ferne die Dinge richtig zu schätzen, welche man in Deutschland vielleicht als gegeben hingenommen hat – sei es die Familie, die Gewissheit von seinen Eltern geliebt und unterstützt zu werden oder vielleicht einfach nur ein leckeres Schwarzbrot mit Käse.
Es gibt vieles, das man vermisst und oft scheint man hin – und hergerissen zwischen dem Hier und Dort, in manchen Zeiten fällt es vielleicht schwerer den Kontakt zu halten und doch will man niemanden enttäuschen.
Jedoch denke ich, dass ich für mich und für meine Lieben daheim ein gutes Gleichgewicht gefunden habe und ich meinen Aufenthalt auf diese Weise weiterhin so sehr genießen kann wie bisher.
Denn auch wenn die Eingewöhnungszeit nicht immer reibungslos verlief und es manchmal zu (kulturellen) Missverständnissen kam, habe ich doch gerade dadurch viel von den Mexikanern gelernt und sie haben mehr über mein Land und meine Kultur erfahren.
Und mit größter Sicherheit kann ich sagen, dass ich überglücklich und dankbar dafür bin, dass mir die Möglichkeit zu diesem Freiwilligendienst gegeben wurde – ich habe meine Entscheidung noch nicht eine Sekunde lang bereut!
Für im Halbschlaf geschrieben ist das doch gar nicht mal so schlecht geworden :-)
AntwortenLöschenWir freuen uns übrigens auch sehr, dass du so viele freundliche Menschen um dich rum hast.
Papa
Kann mich da Deinem Papa nur anschließen!
AntwortenLöschenLiebe Grüße aus dem Vorlesung-Saal in Tübingen. Es geht um Determinanten von Matrizen - erinnerst Du Dich? :P
Vici