Bevor ich weiterhin nach und nach meine Reiseberichte aufarbeite gebe ich euch nun erst einmal die Möglichkeit, meinen 2. Quartalsbericht zu bewundern ;)
Er scheint vielleicht etwas kritisch (obwohl ich glaube das solle er auch), doch macht euch keine Gedanken:
Ich bin überglücklich in meinem schönen Mexico!
Viel Spaß beim Lesen!! :)
„Tempus fugit“
Der Halbjahresbericht steht an – wo ist bloß die Zeit geblieben?
Noch wie zu Beginn meines Freiwilligendienstes rasen die Tage nur so an mir vorbei und auch wenn natürlich mittlerweile ein mehr oder minder geregelter Alltag eingetreten ist, so ist mein Leben doch noch immer voller Erlebnisse und Spannung. Von Langeweile kann noch lange nicht die Rede sein!
Mit den Monaten lerne ich Mexiko immer mehr zu lieben, die Arbeit mit den Kindern wächst mir stetig mehr ans Herz und immer wieder lerne ich neue, wunderbare Menschen kennen.
Zugleich fällt mir jedoch an meinen eigenen Gedanken und Reflexionen auf, dass ich mein Leben hier, die Gepflogenheiten der Menschen, ihre Kultur etc. deutlich kritischer betrachte als vielleicht zu Beginn meines Aufenthaltes.
Dies bezieht sich sowohl auf den privaten Teil meines Lebens, als auch auf meine Arbeit im Projekt.
Immer wieder wird mir deutlich vor Augen geführt, was man vielleicht stereotypisch als Kulturschockmodell bezeichnen könnte – zu Beginn nimmt man die Dinge eventuell ebenfalls war, doch man empfindet nicht die innere Unzufriedenheit oder den kritischen Charakter, der sich erst später und bei näherer Betrachtungen offenbart.
Meine Arbeit im Projekt bereitet mir – wie vor 6 Monaten – noch immer große Freude. Nach vielen Personalwechseln und Umstrukturierungen (die im Bereich der „Organisation der Freiwilligendienste“ noch immer nicht beendet ist) hat sich eine einigermaßen feste Regelung eingestellt:
So fällt vormittags der Salón der 5. – und 6. Klässler in meinen Verantwortungsbereich. Oftmals alleine oder auch mit der Unterstützung einer Erzieherin helfe ich den Jungen bei ihren Hausaufgaben und sorge dafür, dass sie ihre Materialien für die Schule am Nachmittag vorbereiten. Meist gelingt mir dieses Vorhaben sehr gut, doch gibt es immer häufiger Momente, in denen ich an meiner Arbeit und auch an meinen persönlichen Fähigkeiten zu zweifeln beginne.
Viele meiner Kinder leiden an Lernbehinderungen, wie etwa Legasthenie, und oft habe ich den Eindruck, dass meine Unterstützung als Freiwillige ohne pädagogische Ausbildung unzulänglich ist. An manchen Tagen ist es zum Verzweifeln, ich rede und doch scheint nichts anzukommen, die Konzentration der Kinder kann ich nicht einmal 2 Minuten aufrecht erhalten, der Klassenraum gleicht einem chaotischen Schlachtfeld und am Ende ist einfach jeder von uns genervt und froh, dass die Stunden des „Lernens“ vorbei sind. Ich denke mir, wahrscheinlich müsste es nicht so sein, doch weiß ich die Situation nicht auf andere Art und Weise zu lösen.
Hinzu kommt das Problem meiner Roller als „señorita“ mit einer Klasse. bestehend aus 13 und 14 jährigen. Denn was mir mit den Monaten zunehmend bewusst wurde – in diesem Alter zeigt sich bereits deutlich die Kultur des „Machismos“, welche in Mexiko stark verbreitet ist:
Sätze wie „Einem Mädchen höre ich nicht zu und einer Nicht-Mexikanerin erst recht nicht!“ sind keine Seltenheit, meine Autorität wird oft nicht anerkannt – wie sollte sie auch, da doch jedes Kind weiß, dass ich nicht befugt bin sogenannte „consecuencias“ (Bestrafungen) zu erteilen. Sich durchzusetzen in einem Raum mit lauter pubertierenden Jungen fällt deutlich schwerer als die Arbeit mit sieben- oder achtjährigen…
Am Nachmittag helfe ich nach wie vor bei den Hausarbeiten der Vorschulkinder – dies ist eindeutig der entspanntere Teil des Tages, welcher mir wirklich großen Spaß bereitet!
In den letzten Monaten wurde ich außerdem zu zahlreichen „Hausbesuchen“ bei den Familien unserer Kinder mitgenommen, bei denen wir den Fortschritt im Leben der jeweiligen Person kontrollieren und protokollieren sollten. Ich muss zugeben, obwohl ich über die schwierigen Hintergründe einiger unserer Kinder informiert war, so stürzten mich diese Besuche in ein emotionales Tief. Die Armut in den von ihnen bewohnten Stadtteilen war nicht zu vergleichen mit meinem Wohnort, teilweise fehlten in den „Wohnungen“ Möbel – von Elektronikgeräten ganz zu schweigen. Es war eine Atmosphäre, geprägt von Resignation und Hoffnungslosigkeit…von Liebe und Zuneigung keine Spur. Die Gewalt innerhalb der Familien, die harsche Art mit einander (oder genauer gesagt gegeneinander) zu kommunizieren und insbesondere die Rolle des Mannes, als Inbegriff des „schlechten Vaters“ und des „gewalttätigen Ehemannes“ belasteten mich sehr und ließen mich beizeiten an meiner Position als Freiwillige zweifeln. Konnte ich überhaupt irgendetwas bewirken oder war meine „Hilfe“ absolut überflüssig und ohne positive Resultate?
In diesen Tagen half mir jedes Lächeln meiner Kinder, jedes „Svenja, du sollst nie mehr weggehen“ und jede Umarmung – denn vielleicht konnte ich das Leben der Familien nicht ändern, vielleicht ist dies ein gesellschaftlicher Auftrag, doch diesen Kindern konnte ich Freude bereiten und ihnen ein wenig davon abgeben, das in meinem Elternhaus so selbstverständlich war/ ist und in ihren Familien fehlt.
Meine Freizeit war auch in diesen Monaten von dem Versuch geprägt, so viele Orte Mexikos wie nur möglich und vor allem auch die Kultur der Mexikaner kennen zu lernen.
Ich reiste an die Küste nach Mazatlán, beobachtete Buckelwale in Puerto Vallarta und verbrachte ein Wochenende in den wunderschönen Wäldern Mazamitlas.
Die Vielfalt dieses Landes ist ein Traum und immer wieder wird mir schmerzhaft bewusst, dass ein Jahr bei Weitem nicht ausreichen wird, um auch nur einen Bruchteil dessen kennen zu lernen.
Gleiches gilt für die mexikanische Kultur: Jeden Tag passiert etwas, das mich vollkommen überrascht und neu für mich ist – sei es der glorreiche Geburtstag der „Virgen de Guadalupe“ (Jungfrau von Guadalupe) oder die etwas anderen Wahlkampagnen der mexikanischen Präsidentschaftskandidaten.
Ich lebe in einem sehr katholischen Haushalt, weshalb ich auch die religiösen und hier in Mexiko sehr wichtigen Feiertage stets hautnah miterlebe. Dabei gibt es oft einiges, was mich „stört“ oder mich ein wenig befremdet…aufgewachsen auf einer katholischen Schule bin ich es beispielsweise trotz allem gewöhnt, auch den Glauben kritisch betrachten zu können – das ist hier beinahe ein Tabu!
Der wohl größte Frevel wäre die Jungfrauen – Verehrung in Frage zu stellen oder Papst Johannes Paul II. zu kritisieren, welcher das Land oft besuchte und den die Mexikaner so gut wie ausnahmslos verehren.
Mit der Zeit lernt man, dass manche persönliche Meinungen in Mexiko einfach nicht erwünscht sind und nicht nur auf Unverständnis, sondern auch auf Verärgerung sowie verletzten Stolz prallen – so sollte man in Bezug auf religiöse Themen besser keine Diskussion beginnen, es bleibt fast immer ein schlechter Eindruck zurück.
Dies ist etwas, das ich aus Deutschland nicht kannte und was mir noch manchmal schwer fällt, zu akzeptieren.
Abgesehen von religiösen Festtagen ist auch das mexikanische Familienkonzept katholisch geprägt: Hier wohnen die Kinder auch mit dem 30. Lebensjahr noch bei den Eltern (und dies wird nicht als seltsam angesehen), auch mit 25 fragt man für jede Kleinigkeit um Erlaubnis, die wöchentliche Kirchengänge sind Pflicht (auch wenn in der Messe niemand zuzuhören scheint), eine Wohnung mit dem Lebensgefährten teilt man erst nach der Hochzeit und das Übernachten eines (wohl bemerkt nicht festen!) Freundes im Hause der Tochter „wird nicht gerne gesehen“ – denn das, was die Nachbarschaft sieht und denkt ist hier von deutlich größerer Bedeutung als etwa in Deutschland.
Wenn ich dann von den Gepflogenheiten in meinem Land berichte heißt es immer: „Naja, ihr Deutschen seid halt sehr liberal.“
Auch die Rolle der Frau ist hier als weniger emanzipiert zu erachten als bei uns. Das kann Vorteile haben, wenn man beispielsweise stets zuerst durch die Tür gelassen wird oder einem im Bus ein Sitzplatz angeboten wird. Doch andererseits wird dadurch der Machismo nur noch verstärkt, was oft zu Respektlosigkeiten von Seiten der (oft den sozialen Unterschichten angehörenden) Männer führt: Da werden jungen Frauen Dinge hinterher gerufen, die einem die Schamesröte ins Gesicht treiben oder im überfüllten Bus landet mal eine Hand an einem
Ort, wo sie ganz bestimmt nicht hingehört.
So wundert es nicht wirklich, wenn man hört, dass viele mexikanische Frauen noch glauben, dass ihre Ehemänner das Recht besäßen sie zu schlagen…
Oft scheint es sich der Mann „eben leisten zu können“ – er ist ja das „starke Geschlecht“.
All dies sind Aspekte, die mir erst mit den Monaten immer bewusster wurden und die nun ebenfalls mein Bild von Mexiko prägen.
Der Bericht erscheint vielleicht durch seinen kritischen Charakter sehr negativ, doch dies ist absolut nicht der Fall – denn gerade die Unterschiede regen zum Nachdenken an und lassen mich auch die deutschen Gewohnheiten noch einmal überdenken und in Frage stellen.
Zudem bin ich nach wie vor begeistert von der mexikanischen Mentalität und die mir eher unverständlichen Dinge als solche hinnehmen zu können, ist vielleicht auch eine Art des Eingewöhnens, des Anpassens und schließlich auch der kulturellen Akzeptanz.
Y no hay duda: ¡Mexico me hace feliz!
Was die Sorge um das Gerede der Nachbarn und das Ansehen im Wohnviertel angeht, kann ich mir das auch in ländlichen Gegenden in Süddeutschland gut vorstellen. In einer Großstadt im Ruhrgebiet ist es zum Glück meist nicht der Fall. Insofern hast du da auch nicht solche Erfahrungen gemacht.
AntwortenLöschenAber insgesamt bin ich froh, dass das Positive überwiegt.
Papa